Samstag, 28. November 2020

[Kinderbuch] "Haifischzähne" von Anna Woltz

Einmal mit dem Rad rund ums Ijsselmeer. 360 Kilometer an einem Tag und in einer Nacht. Eine verrückte Idee, aber Atlanta ist wild dazu entschlossen. Was soll man auch sonst tun, wenn der nächste Tag schreckliche Untersuchungsergebnisse bringen kann. Ärgerlich nur, dass sie gleich am Anfang mit Finley zusammenstößt, der auch vor irgendetwas wegläuft. Oder ist das doch eher ein Glück? Jedenfalls fahren sie nun gemeinsam weiter, ausgerüstet mit Wasserflaschen, zwölf Käsebroten und Haifischzähnen. Denn dem Schicksal begegnet man am besten nicht unbewaffnet. (Text- und Coverrechte: Carlsen Verlag)


Wer feinfühlige Geschichten mit  Humor und Herz lesen möchte, der sollte sie die Bücher von Anna Woltz mal anschauen. Ich liebe ihre Jugendbücher und auch für jüngere Leser*innen ist sie unbedingt zu empfehlen. Ihre Stimme im Kinderbuch klingt besonders und zart zugleich. In "Haifischzähne" geht es um Gefühle und Identifikation, vor allem aber um Familie. Und wenn inmitten aller Sorgen, die im Herzen toben, noch eine neue Freundschaft dazukommt, die ein Stückchen auf dem Weg begleiten kann, dann wurde hier alles richtig gemacht.

Ich knalle mit voller Wucht gegen den Jungen, der vor mir fährt. Sein Rücklicht platzt in alle Himmelsrichtungen auseinander, ich überschlage mich halb, aber er kann sich gerade eben noch fangen. Ich falle und spüre, dass zwischen meinem Ellenbogen und der Straße plötzlich keine Haut mehr ist.
Ich beiße die Zähne zusammen, aber ich fange nicht an zu weinen. Von allen Mädchen, die ich kenne, weine ich am wenigsten. - S. 5


Atlanta hat sich viel vorgenommen, sie möchte mit dem Fahrrad rund ums IJsselmeer fahren. Alleine. Die über 300 Kilometer muss sie an einem Tag und in einer Nacht schaffen und darum fast ohne Unterbrechungen radeln. Danach will sie unbedingt wieder zu Hause sein, denn dann muss ihre Mama zu einer wichtigen Untersuchung ins Krankenhaus. Blöd nur, dass Atlanta bereits auf den ersten Kilometern mit einem Jungen zusammenknallt. Finley ist ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Er ist wütend auf seine Mutter und möchte nur noch weg. Atlanta und Finley setzten ihre Radtour gemeinsam fort. Im Gepäck ein paar Brote, eine Lichterkette und zwei echte Haifischzähne. Und obwohl sie aus unterschiedlichen Gründen ihr Zuhause meiden, können sie sich gegenseitig eine Stütze sein.

Schlägt man "Haifischzähne" auf, so kann man eine Karte der Tour sehen, die Atlanta ums IJsselmeer geplant hat. Die Radtour ist hier ein Ausgleich für die Gefühle, die in den Kindern toben. Bei Atlanta ist es Angst vor den Untersuchungsergebnissen der Mutter. Bei Finnley ist es Wut über eine Aussage, die seine Mutter gemacht hat. Beide möchten ihrer Angst und Wut entfliehen, indem sie radeln, um nicht so genau darüber nachdenken müssen. Die Radtour selbst ist natürlich ein Unterfangen, das kaum zu schaffen ist. Die Kilometerzahl ist einfach zu groß. Aber hier geht es nicht ums Ankommen oder Durchziehen, sondern um die Auseinandersetzung und Identifikation mit den eigenen Gefühlen ... und die Unterstützung durch eine*n Freund*in.
Die Geschichte entbehrt nicht einer gewissen Tragik und Traurigkeit. Sie ist aber so humorvoll-feinfühlig und mit verständnisvollem Ton erzählt, dass sie junge Leser*innen (und auch Erwachsene) mitreißt und am Ende mit einem guten Gefühl entlässt. Und das auf unter Hundert Buchseiten. Ich habe mich am Ende sehr mit Atlanta und Finley gefreut, hätte die beiden aber auch noch lange weiterbegleitet.

Damaris' Fazit ...
Ein ganz feines Kinderbuch, für Leser*innen ab 10 Jahren, ist "Haifischzähne". Die ambitionierte Radtour, auf der sich Atlanta und Finley begegnen, hat zwar unterschiedliche Gründe, doch gerade darum schweißt sie die beiden Kinder auch zusammen. Die Geschichte ist voller Ängste und Sorgen, aber auch voller Freundschaft und Familie. Sie hat diesen besonderen und humorvollen Ton, der dafür sorgt, dass man das Buch am Ende als Herzensbuch zuklappt. Toll!


"Haifischzähne", Carlsen Verlag 2020 - Hardcover, 96 Seiten - 10,00 € [D] - Text von Anna Woltz - Vignetten von Alexandra Helm - Übersetzt von Andrea Kluitmann - ab 10 Jahren