Dienstag, 25. April 2017

[Bilderbuch] "Weißt du noch" von Zoran Drvenkar

Kind zu sein ist das größte Abenteuer. Als Kind erlebt man alles zum ersten Mal und sieht ganz unverfälscht auf die Welt. Da wächst der Regenbogen direkt aus der Wiese, und das taunasse Gras glänzt wie ein Meer aus Taschenlampen. Auf jedem Grashalm sitzt ein Diamant und macht den Maulwurf, der seinen Kopf aus dem Hügel steckt, ganz reich. Alles ist bunt und strahlend, und alles ist möglich, zumindest in der Fantasie. "Weißt du noch" ist eine außergewöhnliche Hommage an die Kindheit, an die einzigartigen Augenblicke, in denen man zum ersten Mal etwas bewusst sieht, riecht, fühlt, tut, erlebt oder versteht - für Kinder und Erwachsene. (Text-, Cover- und Zitatrechte: Carl Hanser Verlag)


Ein Bilderbuch von Zoran Drvenkar? Das will zu mir! Ganz unabhängig von meinen Kindern. Der Autor gehört zu denen, die mir die eindrücklichsten Leseerlebnisse beschert haben. Und ja, ich meine seine Handschrift auch in "Weißt du noch" zu erkennen. Gemeinsam mit meiner Tochter (7) habe ich das Buch gelesen. Wir waren völlig versunken darin. Ich als Vorlesende, sie als Zuhörerin. Gemütlich war's und stimmungsvoll. Das Bilderbuch hat etwas in mir zum Klingen gebracht. Vielleicht waren das Erinnerungen, bestimmt auch Nostalgie. Und meine Tochter? Sie wirkte sehr konzentriert und nachdenklich und amüsiert und auch etwas verwundert.

Weißt du noch, wie die Wolken die Köpfe zusammensteckten und es plötzlich dunkel wurde und anfing zu regnen? Da haben wir Schutz gesucht und sahen einen Baum, der die Arme weit ausgebreitet hatte, als wäre er ein Torwart, der auf den Ball wartet. Unter diesen Baum haben wir uns gestellt ... - S. 12

Das Buch besteht aus einzelnen Weißt-du-noch-Szenen. Ein Mädchen und ein Junge, beides Kinder, erzählen sich ihre Erlebnisse. Wenn man die Seiten genau betrachtet, sieht man etwas kleiner, in Schwarz-Weiß, ebendieses Paar, aber nun im Rentenalter. Es könnte also genauso gut sein, dass das alte Ehepaar (?) seine Kinderheitserinnerungen miteinander teilt. Ich war von dieser Möglichkeit sehr angerührt, sie liegt wirklich im Auge des Betrachters.
Die einzelnen Geschichten, die hier erdacht oder an die sich erinnert wird, sind jede für sich fantasievoll und fast schon autonom, ergeben aber gemeinsam ein zusammenhängendes Abenteuer - einen Tag voller Erlebnisse. Zu Tagesbeginn laufen die Kinder los, am Abend kehren sie wieder heim. Die Weißt-du-noch-Erinnerungen sind eine Mischung aus bekannten Szenen, aber auch völlig verrückten Erlebnissen, grenzenlos, voller Metaphern und bildlicher Vergleiche. Eine genau richtige Vermischung von Realität und Fantasie, wie sie den Köpfen von Kindern entspringt. Das hat mich, und auch meine Tochter, sehr fasziniert.

Passend zur Geschichte wird jede Szene mit einem seitenfüllenden Bild ergänzt. Ich kann mir vorstellen, dass es für Illustratorin Jutta Bauer eine große Herausforderung war, die fantasievollen Texte visuell darzustellen. Gelungen ist ihr das perfekt! Sie sind nicht nur wunderschön anzusehen - alle! -, sondern zeigen große und kleine Details, die man dem Text entnehmen kann. Wir haben während des Lesens noch lange Zeit damit verbracht, Dinge im Bild zu suchen oder waren einfach noch in der Betrachtung gefangen. Mein persönlicher Favorit ist die Blumenwiese, oder nein, vielleicht doch eher die Kinder, die den Mond beiseiteschieben. Eventuell auch die fliegenden Kühe. Unbedingt anschauen!

Damaris sagt ...
dass "Weißt du noch" eine Hommage an die Kindheit sein kann, aber auch Erinnerung im Alter. Für mich ist es ein fantasievoller Erinnerungsschatz, der Kinder erfreut und fasziniert und in Erwachsenen etwas anrührt, das unvergesslich ist. Ein Text, in dem man traumversinken kann und Bilder, die nicht besser passten könnten, machen das Bilderbuch einzigartig. Uns ist es sehr ans Herz gewachsen. Das muss man erleben!


Carl Hanser Verlag 2017 - Hardcover, 32 Seiten - 14,00 € [D] - Format 22 x 27 cm - Illustriert von Jutta Bauer - ab 5 Jahren

Mittwoch, 19. April 2017

[Bilderbuch] "Schüttel den Apfelbaum: Ein Mitmachbuch" von Nico Sternbaum

Dieses Bilderbuch hat es in sich. Denn man kann mit ihm viel mehr machen, als es nur zu lesen oder seine lustigen bunten Bilder zu betrachten. Hier können Kinder ab 2 Jahren selbst aktiv werden: Sie dürfen das Buch schütteln, schaukeln, rubbeln, darauf herumklopfen oder es auf den Kopf stellen, je nachdem, was die kleine Geschichte verlangt. Da gilt es zum Beispiel, den Apfelbaum zu schütteln, Kitzelmonster Kalle durchzukitzeln oder an die Tür eines geheimnisvollen Schlosses zu klopfen, um zu sehen, was auf der nächsten Seite passiert. Ein Buch voller Überraschungen für jede Menge Spiel, Spaß und Spannung. (Text- und Coverrechte: Bassermann Verlag)


Das Konzept eines Mitmachbuches kennen wir bereits. Jedoch wird es oft unterschiedlich ausgelegt, manchmal mit Klappen, Schiebern, etc. Teilweise werden Kinder aber auch einzig mit dem Text dazu animiert, mitzumachen. Genau solch ein Buch, ohne physische Hilfsmittel, ist "Schüttel den Apfelbaum". Dieses Buch will mit Kindern spielen!

Mir fiel sofort auf, sehr positiv, dass das Mitmachbuch recht umfangreich gestaltet wurde, allerdings auch mit etwas dickerem Normalpapier, nicht mit Pappseiten. Meist sind Bilderbücher für diese Altersklasse eher kurz gehalten. Das ist hier nicht so. Auf 64 Seiten können Kinder allerhand sehen, erleben und sich aktiv am Geschehen beteiligen. Das funktioniert jeweils auf zwei Doppelseiten. Zuerst wird vom Kind mit einem kurzen, sehr herzlich und liebevoll geschriebenem Text, eine Aktion gefordert. Auf der folgenden Seite sieht das Kind dann die Reaktion seines Handelns.

Oje, die ganzen Äpfel sind leider
viel zu schwer
für den armen Baum. Kannst du das
Buch schütteln, damit ein paar herunterfallen?
- S. 3/4

*schüttelschüttel*

Klasse, jetzt
ist der Apfelbaum
nicht mehr traurig!
- S. 5/6

Dieses einfache Konzept überrascht und begeistert Kinder, weil alles mit ihrem eigenen Zutun, ganz ohne andere Hilfsmittel, passiert. Egal, ob man die nasse Katze mit dem Ärmel abtrocknet oder das Flugzeug anpustet, damit es sich in die Luft erhebt. Die Bilder sind sehr einfach und freundlich. Sehr gut veranschaulichen sie die jeweilige Reaktion auf die geforderte Aktion.
Ich habe das Bilderbuch meinen 2- und 7-jährigen Töchtern vorgelesen. Die Große wollte, obwohl sie schon älter als die Zielgruppe ist, alle Aktionen ausführen und musste viel lachen. Die Kleine hat ebenfalls fleißig mitgemacht und sich über die Reaktionen sehr gefreut, war teilweise sogar richtig erstaunt. Und weil das Bilderbuch viele Aktionen beinhaltet, saßen wir lange zusammen - es entstand ein schönes Miteinander.

Damaris liebt ...
Mitmachbilderbücher, und die Kinder ebenso! "Schüttel den Apfelbaum" kommt völlig ohne Hilfsmittel aus, es setzt einzig auf die Aktion der Kinder. Die Zeichnungen sind einfach, der Text ist liebevoll-animierenden. Die Reaktionen der Kinder reichen von überrascht bis entzückt. In Zeiten, in denen vieles digitalisiert wird, eine echte Wohltat. Hier ist weniger tatsächlich mehr. Sehr zu empfehlen!


Bassermann Verlag 2017 - Hardcover/Pappband, 64 Seiten - 7,99 € [D] - Format 21 x 21 cm - Text, Layout und Illustrationen von Nico Sternbaum - ab 2 Jahren

Dienstag, 18. April 2017

[Bilderbuch] "Guck mal, wie die gucken!" von Werner Holzwarth

Eine Familie ist zu Besuch im Zoo und spaziert durchs Affenhaus. "Guck mal, das sind ja richtige Prachtexemplare!", heißt es da. Oder: "Oh, die da drüben haben Babys!" Aber schon bald fragt sich: Wer beguckt hier eigentlich wen? Mit großem Vergnügen wird in diesem Bilderbuch aufgedeckt, wie ähnlich wir Tiere und Menschen uns in Wirklichkeit sind. Und natürlich muss die Geschichte, nachdem der "Dreh" enthüllt ist, gleich noch mal gelesen werden! (Text- und Coverrechte: Thienemann Verlag)


"Guck mal, wie die gucken!" ist das neueste Bilderbuch von Werner Holzwarth (Autor des Kinderbuch-Bestsellers "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat"). In seinem neuen Buch geht es um den Buch bei den Affen in Zoo. Bei mir lösen diese Tiere ja zwiespältige Gefühle aus, meine Kinder sind von ihnen jedoch begeistert. Und genau darum geht es im Bilderbuch. "Guck mal, wie die gucken!" hat einen tollen, überraschenden Dreh. Denn wer guckt hier eigentlich wen an?

Das Bilderbuch beginnt mit dem Ausflug einer Familie - Papa, Mama und zwei Kinder - in den Zoo. Besonders haben es ihnen die Affen im Gehege angetan. Sogleich beginnt eine lustige und neugierige Unterhaltung über Aussehen, Verhalten oder das Fressen/Essen. Automatisch gehen Kinder und Vorleser davon aus, dass sich die Menschenfamilie über die Affenfamilie unterhält. Aber ist das wirklich so? "Guck mal, wie die gucken!" hat einen wunderbaren Humor. Wir haben schon während des Lesens geschmunzelt und die Kinder waren von den verschiedenen Affenarten sehr fasziniert. Ob kleine Kinder den Dreh, den Twist des Buches, verstehen ist nicht garantiert. Das ist aber gar nicht wichtig. Sicher ist, dass das Bilderbuch am Ende gleich nochmals gelesen werden will.

Die Bilder von Stefanie Jeschke passen perfekt zur Geschichte. Sie habe etwas Einfaches, aber Deutliches, vermitteln die Emotionen seitens Menschen und Affen sehr direkt. Außerdem schaut der Humor der Geschichte dem Leser durch jedes Bild entgegen. Jede neue Seite macht Spaß! In Verbindung mit dem Text, der entsprechend heiter vorgelesen werden kann, wird "Guck mal, wie die gucken!" Groß und Klein gefallen.

Damaris findet ...
"Guck mal, wie die gucken!" sehr spaßig, sehr originell und gleichzeitig sehr informativ. Das Bilderbuch hat am Ende eine überraschende Wendung und macht mit dieser Erkenntnis dann gleich doppelt so viel Laune. Die Kombination aus erheiternder Geschichte und spritzigen Illustrationen hat das Zeug zum Bilderbuchklassiker!

mini 3 - Die Püppi (2) kreischt ...
begeistert auf, bei jedem Affen, den sie im Buch entdeckt (und es sind viele!). Zwar hat sie noch nicht die Altersempfehlung erreicht, versteht Geschichte und Wendung nicht, freut sich aber an jeder neuen Seite und schaut das Buch gemeinsam mit ihrer Schwester immer wieder an.


Thienemann Verlag 2017 - Hardcover, 32 Seiten - 12,99 € [D] - Format 23 x 30 cm - Mit Illustrationen von Stefanie Jeschke - ab 4 Jahren

Dienstag, 11. April 2017

[Kinderbuch] "Salon Salami: Einer ist immer besonders" von Benjamin Tienti

Tja, manchmal ist das Leben etwas bunter: Hani Salmani (nein, nicht Salami) ist zwölf, hat einen kleinen Bruder, ihre Mama ist verschwunden und ihr Papa schneidet im Friseursalon von Onkel Ibo Haare, während der krummen Geschäften nachgeht. Als Hani herausfindet, dass ihre Mama im Gefängnis sitzt und Onkel Ibo wohl schuld daran ist, fasst sie einen verrückten Plan. Zum Glück hilft ihr Sozialarbeiterin Mira, und am Ende ist im Salon Salami-Salmani alles (fast) wieder paletti. (Text- und Coverrechte: Dressler Verlag)


Die Familie Salmani (den Salami-Witz kennt Hani schon aus der Schule - und findet ihn doof) besitzt einen Friseursalon. Papa schneidet Haare, Mama hilft im Salon mit und Hanis Bruder Moma geht noch in den Kindergarten. Hani selbst geht zur Schule, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, Vorher-Nachher-Fotos von Papas Kunden zu machen und im Friseursalon aufzuhängen. Eigentlich läuft es gut bei Familie Salmani, bis eines Tages Hanis Mama nicht mehr da ist und ihr Leben sehr turbulent wird. Es wird für Hani immer schwieriger der Dreh- und Angelpunkt der Familie zu sein und bald muss sie erkennen, dass sie es ohne Hilfe nicht mehr schafft.

Gleich zu Anfang begleitet man die 12-jährige Hani, die eine Bank überfallen will. Ich war etwas überrascht, denn dieses Szene scheint aus dem Zusammenhang gerissen. Man weiß einfach nicht, warum Hani einen Banküberfall plant, bzw. realisiert erst später, dass der Überfall im Kontext zur Geschichte steht. Hani möchte damit etwas bezwecken, was den Gedanken eines Kindes entspringt, völlig nachvollziehbar ist, und mich sehr berührte. Denn Hani ist zu Hause für zu viele Dinge verantwortlich, seit ihre Mama nicht mehr da ist. Ihr Papa hält den Friseursalon am Laufen und Onkel Ibo geht zwielichtigen Geschäften nach. Da ist es an Hani, sich um den Haushalt und das Essen zu kümmern, ihrem Vater zu helfen und nach ihrem Bruder zu schauen. Hani ist äußerlich zwar sehr cool, man realisiert aber bald, dass ihr die Dinge über den Kopf wachsen und sie ihre Mama vermisst.

Autor Benjamin Tienti hat einen Kinderroman geschrieben, der eine Familie zwischen den Kulturen auf sehr direkte und echte Art zeigt. Er scheut sich nicht vor Umgangssprache, was grundsätzlich ehrlich und sehr authentisch ist, an einer Stelle aber sehr stark ausgereizt wurde. Meine Kinder, die solche Ausdrücke (noch) nicht kennen, sollen diese nicht in einem Kinderbuch lesen. Bis auf eine extreme Ausnahme, wird diesem Punkt kein allzu hoher Stellenwert eingeräumt.
Die Geschichte ist lustig und nimmt sich manchmal selbst nicht ganz ernst. Sie hat aber auch eine traurige Seite, die nachdenklich stimmt und Verständnis weckt. Neben der Familiengeschichte werden Themen wie Vorurteile, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft in die Geschichte gestreut, aber ohne eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Es ist einfach so. Nach einem spannenden Finale, das extrem zufrieden stellt, hat man die Familie Salmani richtig ins Herz geschlossen. Es wären sicherlich weitere Salon Salami-Bücher denkbar.

Damaris ...
hat bei "Salon Salami: Einer ist immer besonders" eine große Bandbreite von Gefühlen durchlebt. Die Geschichte berührt auf eine ehrliche Art, nachdem man Hani und ihre Familie kennengelernt hat. Sie weckt Interesse, aber auch Verständnis und Akzeptanz. Dazu ist sie sehr lustig und schräg, und das obwohl sie auch ein Gefühl von Zusammenhalt erzeugt. Für Kinder, die mal eine Blick auf eine Familie werfen wollen, bei denen es nicht immer normal zugeht, ist "Salon Salami" eine echte Empfehlung.


Dressler Verlag 2017 - Hardcover, 160 Seiten - 12,99 € [D] - Mit Illustrationen von Barbara Jung - ab 10 Jahren